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“Mögen wir niemals so alt werden, daß wir das rechte Lachen verlieren über die Taten derer, die plötzlich als Taugenichtse auf und davon gingen”
(Ernst Jünger. Das abenteuerliche Herz)

NPD, Carl Schmitt, Nasenring, Ernst Jünger… freudiges Schlagworte werfen. Sonst wohl eher der Stil von Postillen wie Hagalil (”der beliebte nekrophile Antisemit und Käferaufspießer Ernst Jünger“) oder Indymedia. Aber nein, im Kampf gegen Rechts, Rechtsextrem, Rechts-konservativ, rechtsradikal, ultrarechts und alle anderen neuerfundenen superlativen Formen des Rechts-Seins, kann auch “Die Zeit” mal mit diesem Niveau gehen. Grotesk nur, daß die JF in der Person Dieter Steins, natürlich direkt nachzieht und in ihrer aktuellen Ausgabe von heute einen “Appell an Deutschlands Intellektuelle” startet. Etwas überzogen, hat sich die Zeit mit ihrem dummen Rundumschlag gegen alles, was ab des Mainstreams liegt doch selbst aufs peinlichste diskreditiert. Botho Strauß, Martin Walser, die FAZ und Ernst Jünger in einem Artikel mit der NPD zu nennen ist mindestens genauso beschränkt, wie auf Spengler den plumpen Begriff des Biologismus anzuwenden (Empfehlung: “Jahre der Entscheidung I” lesen). Man darf gespannt sein, welche Formen dieses immer wiederkehrende Kaspertheater noch annimmt. Carl Schmitt und Ernst Jünger hätten wohl ihre Freude daran gehabt.

Thomas Assheuers Entlarvung der rechtsradikalen Subversion findet sich unter:
http://www.zeit.de/2008/20/rechtes-Weltbild

Wenn die Bildung kommt, hören die Heroen auf, sagt Hegel. Uns ist diese Bildung fade geworden. Verdrießlich wird mir diser Friede. Also rufen wir nach Heroen. Und sie kommen!
(Carl Schmitt)

Carl Schmitt hat Konjunktur und seine Briefwechsel in letzter Zeit umso mehr. Erschien vor kurzem noch der mit Hans Blumenberg - von dem belanglos-langweiligen mit Ernst Jünger ganz zu schweigen -, sind für die nächsten Monate zwei weitere Briefwechsel angekündigt, die große Erwartungen schüren:

Pünktlich zum 80. Geburtstag von Hans-Dietrich Sander liegt sein Briefwechsel mit Carl Schmitt vor: Mehr als 300 umfangreiche Briefe, intensiv und von hohem Informationsgehalt, geben Aufschluß über die Entstehung wichtiger Nachkriegswerke Schmitts und publizistischer Ideologiekämpfe Sanders. Schmitt erscheint auch als wichtiger Anreger einer “Neuen Rechten”, die vom Konservatismus der Nachkriegsjahre klar geschieden ist.

Carl Schmitt/Hans-Dietrich Sander. Werkstatt - Discorsi. Edition Antaios 2008. 480 Seiten. 44,00 Euro
Vergünstigte Vorbestellung unter folgender Adresse möglich: Link

Nach langen Jahren gegenseitiger Kenntnisnahme und Anerkennung gaben Jacob Taubes und Carl Schmitt die Distanz zueinander schließlich auf und wechselten zwi­schen 1977 und 1980 insgesamt 36 Briefe. In ihnen do­kumentiert sich ein Gespräch zwischen zwei ebenso bedeutenden wie skandalisierenden Intellektuellen. Aus verschiedenen Nachlässen zusammengetragen, werden sie hier zum ersten Mal gesammelt und kommentiert vorgelegt. Zwischen dem aus einer Rabbinerfamilie stammenden Reli­gionsphilosophen, Gründungsprofessor des ersten Lehr­stuhls für Jüdische Studien in Deutschland überhaupt, und dem Staats- und Völkerrechtler, Parteigänger der Nazis von 1933 bis 1936, der nach 1945 keine öffentlichen Ämter mehr innehatte, gleichwohl aber höchst einflussreich blieb, entwickelt sich ein Dialog über aktuelle Fragen des Staats und der Politischen Theologie. Der Hl. Paulus als erster nicht liberaler Jude, Thomas Hobbes als Denker des Welt­bürgerkriegs avant la lettre, Erik Peterson und Leo Strauss als Gesprächspartner Schmitts, Walter Benjamin als ge­meinsame Bezugsfigur – ihr Echo hallt in einer Korrespon­denz wider, in der das Denken der Gewissheit von (er)lösender Offenbarung und katholischer Form unterworfen, vom apokalyptischen Affekt und vom Wirken des Kate­chonten bestimmt, schließlich im kalten Raum absoluter Ent­scheidungen verortet ist.

Carl Schmitt/Jacob Taubes - Briefwechsel. Wilhelm Fink Verlag 2008. 152 Seiten. 24,90 Euro.
Bestellung und Information unter folgendem Link.

Trockenlegung II

Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen?
(Friedrich Nietzsche. Fröhliche Wissenschaft)

Eine sehr gelungene, weil auch sehr strittige, Rezension zu den “Feuchtgebieten” gefunden. Abseits von konservativer Verteuflung und emanzipatorischem Hurra-Geschrei, setzt sich Franz Siepe mit dem Büchlein auseinander. Der Brückenschlag zu Franziska von Reventlow, die nie nur ansatzweise solche Stillosigkeit bewiesen hätte, und Ludwig Klages. Und am Ende die Unterstellung , die Frage, ob “nicht etwa eine melancholische Zeitdiagnose enthalten (sei) dergestalt, daß die Abwesenheit Gottes es ist, wovon die Hormongespenster erst angelockt werden”.

Vielleicht etwas viel der intellektuelle Anstrengung für Frau Roche?

Hier der ganze Artikel: http://marburger-forum.de/mafo/heft2008-2/sie_ro.htm

Gitanes

“Das Rauchen ist ein gewohnheitsmäßiger und überaus wichtiger Teil des Lebens eines Freiheitskämpfers …, denn der Rauch, den er in Augenblicken der Entspannung ausstößt, ist dem einsamen Soldaten jederzeit ein treuer Kamerad”
(Che G.)

Neue Zigarettenmarke getestet. Gitanes, filterlos. Sehr stark, nichts auf Dauer. Wohl am besten geeignet zu einer starken Tasse Kaffee früh morgens.

Im Gegenlicht

Der Jäger ist auch immer der Gejagte, wie der Krieger auch der Bekriegte ist. Auf der Jagd, im Kriege, während der Balz, in unserer dynamischen Welt auch beim Überholen, wächst das Risiko.
(Ernst Jünger. Subtile Jagden)

Angekündigt war es schon länger, doch sind die Pläne für Alexander Pscheras „Jünger Wörterbuch” konkreter geworden. Erscheinen wird es im Rahmen der überaus gelungenen neuen „fröhliche Wissenschaft” Reihe beim Berliner Ausnahmeverlag „Matthes & Seitz”. Begriffe Jüngers essayistisch zu behandeln die Aufgabe, der sich die verschiedensten Autoren stellen: Sei es der Heidegger Experte Günter Figal, der „Popliterat” und Tristesse Royal Protagonist Eckhard Nickel oder die eher durch ihre Prosa bekannten Autoren Thomas Palzer, dessen Buch „Pony” den Houellebecq Vergleich auch wirklich verdient, und Uwe Tellkamp, dessen „Eisvogel” für nicht wenig Aufsehen sorgte.

Ernst Jünger scheidet die Geister. Wir tun uns schwer mit seinem Werk. Worin aber liegen die Faszination und die Abschreckung? Vielleicht gelingt eine Antwort, wenn man mit Jünger über ihn hinausdenkt.

»Bunter Staub« ist Wörterbuch und Langessay in einem. Beiträge unterschiedlichster Autoren unterziehen die wichtigsten weltanschaulichen Grundbegriffe Ernst Jün­gers einer Relektüre: Abenteuer – Inneres Erlebnis – Waldgang – Myrdun – Verlorener Posten – Désinvolture – Heiterkeit – Autorschaft – Schmerz – Rausch – Linie – Strahlungen – Überlegte Partie – Flugtraum – Arbeit – Technik und Spiel – Gläserne Bienen – Posaunisten – und andere.

Ernst Jüngers Texte erscheinen in einer neuen Optik, sie werden in Gegenlicht getaucht und zum Tanzen gebracht. Bunter, glitzernder Staub: Rambo auf Waldgang…Schmerz und Rausch…Reisen in den Raum der Tiefe…Das universelle Theorie-Subjekt …Der alte Mann und das Meer…No, Sir!…Gepolsterte Gegenwart…»Was hat die Bombe mit dem Brief zu tun?«…Eine Dream-Machine in Petersburg…Désin­vol­ture after Duchamp…Der ERNST des Lebens…

Mit Beiträgen von Martin van Creveld, Günter Figal, László F. Földényi, Christophe Fricker, Yuri Harari, Lorenz Jäger, Marc Jongen, Georg Klein, Se­bas­tian Kleinschmidt, Eckhard Nickel, Thomas Palzer, Tom Peuckert, Heimo Schwilk, Antje Rávic Strubel, Uwe Tellkamp, Marion Titze, Peter Trawny, David Woodard u.a.

Alexander Pschera (Hg.). Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht. Matthes & Seitz 2008. 19,80 Euro

Trockenlegung

Virginie Despentes

Wenn Charlotte Roche sich schon „auf dem Weg in den Autismus“ (Bazon Brock) befindet, was ist dann erst mit Virginie Despentes, der sogenannten französischen Skandalautorin:

“Es gibt einen echten Zusammenhang zwischen Literatur und Prostitution. Sich alles von der Seele schreiben, tun, was sich eigentlich nicht gehört, seine Intimität preisgeben, sich den Gefahren der Beurteilung durch Fremde aussetzen [...], in den Zeitschriften zur Schau gestellt werden - all dies ganz offensichtlich im Widerspruch zu dem Platz, der uns traditionell in der Gesellschaft zugewiesen wird: als Privatfrau, als persönliches Eigentum, als bessere Hälfte, als lediglich der Schatten eines Mannes. [...] Schriftstellerin werden, [...] öffentliches Ärgernis erregen ist so ähnlich wie Nutte sein.”

Sich dann auch noch indirekt auf eine Ebene mit Michel Houellebecq (sehr inflationärer Vergleich) stellen und ein Stadium von undefinierbarem Größenwahn ist erreicht. Mehr Emanzipation gibt’s beim DLF

“Ich erinnere im übrigen  an eine Voraussage, die eine kluge Frau, Elémire Zolla, bereits vor fünfzig Jahren in die folgenden Worte faßte: Nach dem Heiligen entschwindet auch dessen Sprößling, das Ästhetische; die aufrührerischen Titanen werden in diesem Jahrhundert mit der grausamsten Züchtigung bestraft, nämlich senilem Schwachsinn”
(Botho Strauß. Die Unbeholfenen)

“Wenn man sich nur auf der liberalen Ebene der Demokratie bewegt, bemerkt man nicht, was in der Geschichte passiert”
(Jacob Taubes. Ad Carl Schmitt)

Christian Lindner; Der Bahnhof von Finnentrop - Eine Riese ins Carl SChmitt Land

Nicht den „zehntausendsten Kommentar” zur Carl Schmitts Büchern wollte Christian Linder schreiben, so der Autor im Nachwort. Er hat es nicht, doch deshalb gleich in solche übertriebene, fast ekstatische Lobdusseleien wie der Deutschlandfunk zu verfallen, zeugt von Unkenntnis und fehlender Verhältnismäßigkeit. Ein Buch, „das man unbedingt lesen muss, wenn man das Enigma Carl Schmitt decodieren will.”. Ein Buch, das aber auf der anderen Seite streckenweise derart konstruiert wirkt, das man nur noch die Augen verdreht, wenn Linder in einer fiktiven Gerichtsverhandlung seitenlang  prominente Intellektuelle (von Ernst Jünger, Helmut Quaritsch und Hans Kelsen über Paul Noack, Nicolaus Sombart und Edgar Salin) ihre Meinung über Carl Schmitt äußern lässt. Ein seltsames Zitatkonstrukt. Daß das sich abzeichnende Bild etwas weiter geht, als die nervende und in keiner Sekundärliteratur über Schmitt fehlende Bezeichnung als „Kronjurist”, liegt in der Natur der Sache, kann aber nicht den faden Beigeschmack des Künstlichen wett machen, der sich streckenweise durch das Buch zieht. Seien es die fiktiven Dialoge zwischen Autor und Schmitt oder eben genannte Gerichtsverhandlung. Stilistisch wirkt einiges krumm und teilweise peinlich. So spricht Linder immer wieder vom „alten Herrn in der Ruinenlandschaft auf dem Schwarzenberg“ mit dem er durch die sauerländische Landschaft streift.

Das erwähnte „Enigma Carl Schmitts” bleibt fragwürdig und Linder gelingt es viel mehr eine Art Charakterbild zu zeichnen an Hand unzähliger Kommentare von Zeitgenossen Schmitts, dabei nimmt Schmitts Werk einen entsprechend geringen Raum ein, lediglich die „Politische Theologie” wird ausführlicher besprochen. In der Überhöhung des Menschen Schmitts liegt aber auch die Gefahr. Der Dezisionismus als Kompensation („Bei mir kommt es nie zum Entschluß“) der eigenen zerrissenen und depressiven frühen Jahre Schmitts. Billig anmutende Versuche Schmitts Denken mit abstruser Kindergarten Psychologie zu erklären.

Es sind solche Passagen und Teile des Buches, die einen Schatten werfen, doch bei aller Kritik bleibt Linders Buch ein interessantes Panoptikum, das zum Einstieg sicher seine Qualitäten hat - auf die zahlreichen Photographien sei noch positiv hingewiesen -, wenn es auch nicht die Tiefe und Schärfe der Bemerkungen des eingangs zitierten Taubes hat.

“Er war der Anti-Bolschewist. Wenn ich sein Werk überhaupt verstehen will, so ist er der einzige, der konstatiert hat, was los ist, nämlich daß ein Weltbürgerkrieg im Gange ist. Schon nach dem Ersten Weltkrieg”
(Jacob Taubes. Ad Carl Schmitt)

Christian Linder. Der Bahnhof von Finnentrop. Matthes & Seitz 2008, 34,90 Euro